Ingar KnudtsenZugreise
Alvin Johnsen fummelte fieberhaft in den Taschen seines Jacketts herum, während sein Gesicht immer röter wurde.
"Na, wie ist es, haben Sie das Billett, oder haben Sie's nicht?" Die Stimme des Schaffners hatte einen unbehaglichen Klang von kalter Ungeduld.
"Hm, nein, ich habe es sicherlich verloren", sagte Johnsen verlegen. "Aber ich versichere Ihnen, ich habe das Billett gekauft, ich hatte es vorhin noch hier ... "
"Tut mir leid, aber da müssen Sie schon ein neues Billett kaufen." Der Schaffner machte eine Bewegung zu seiner Tasche hin.
Johnsen sah, falls das möglich war, jetzt noch unglücklicher drein.
"Aber ich hatte das Billett doch in der Brieftasche, und die habe ich auch verloren." Beinahe bittend sah er zum Schaffner auf. "Und nun habe ich natürlich auch kein Geld."
"Geld auch nicht?" Das Gesicht des Schaffners spannte sich. "Das hört sich böse an, guter Mann. Wollen wir mal sehen." Er holte ein kleines rotes Buch hervor und blätterte rasch die ersten Seiten durch.
"Sie können mich ja bei der nächsten Station absetzen", sagte Johnsen resigniert und machte Miene, seinen Koffer herunterzuholen.
Mit einer abweisenden Handbewegung hielt ihn der Schaffner davon ab.
"Sie bei der nächsten Station absetzen? 0 nein, mein Herr, so leicht können Sie nicht entwischen, leider. Darf ich Ihnen einen kleinen Abschnitt aus den Vorschriften vorlesen?" Er räusperte sich und begann zu zitieren: "Gesetz 123 LOBP 5 12. Ein Reisender darf den Zug nicht verlassen, bevor er nicht ein gültiges Billett hat vorweisen können." Der Schaffner sah vom Buch auf und zu Herrn Johnsen hinab. "... darf den Zug nicht verlassen, bevor er nicht ein gültiges Billett hat vorweisen können", wiederholte er triumphierend.
"Was soll das heißen?" Johnsen schaute nervös zum Schaffner auf.
"Heißen? Das heißt selbstverständlich akkurat, was da steht. Sie dürfen den Zug nicht verlassen, bevor Sie nicht ein Billett gekauft haben."
"Aber ... aber das ist doch unmöglich", stöhnte Johnsen. "Wie soll ich denn ..."
"Das geht uns nichts an", sagte der Schaffner brüsk. "Wir müssen das Gesetz befolgen, und das müssen Sie auch. Und versuchen Sie nicht abzubauen." Er klopfte vielsagend auf die Pistolentasche, aus der der häßliche Schaft einer Beatty 1 mm Needlebeam herausragte. "Wir leben in harten Zeiten", sagte er.
Liebe Reisende. Wenn Sie einen abgerissenen, mageren Mann sehen, dessen ergebener Gesichtsausdruck sich ab und zu beim Eintritt eines neuen Reisenden in das Abteil hoffnungsvoll erhellt, dann seien Sie so barmherzig und geben Sie ihm ein Butterbrot aus Ihrem Eßpaket, und legen Sie einen Groschen in den Hut, den er auf dem Schoß hält. Bedenken Sie, das nächstemal können Sie es sein, der Brieftasche und Billett im Nachtexpreß zwischen Oslo-Insel und Oppdal verliert.
Übersetzt von Irma und Heinz Entner