Ingar Knudtsen

 

Rote Sonne

I

 

Mit berstendem Getöse wurde das Raumschiff "Avanti" aus der nullten Dimension in normale Zeit- und Raumverhältnisse zurückgerissen. Miranda Silva Ossoro wurde hilflos in der Kabine umhergeschleudert, der Magen drehte sich ihr um, und sie spuckte wie ein Reiher. Der Gyroautomat stabilisierte das Schiff so weit, daß sie wieder den Pilotensitz einnehmen konnte.

Einen Augenblick darauf summte es in der Interkom, und auf dem Schirm kam Reid Junge zum Vorschein. Sein bärtiges Gesicht war leichenblaß, und über dem linken Auge hatte er eine Schnittwunde, die abscheulich blutete.

"Die ganze Maschinerie hier unten ist tot", keuchte er angestrengt. "Der Dimensionsumschalter ist ausgefallen und der Antimateriebrenner auch. Nur der Reaktor für das Elektroaggregat scheint okay zu sein. Wie steht's oben bei dir?"

"Ich bin noch nicht dazu gekommen, etwas richtig zu untersuchen." Miranda warf einen raschen Blick auf die Instrumente. "Ich kann nur eins sagen: daß es uns wieder in das normale Einsteinsche Universum zurückgeschleudert hat." Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Linda Lee die Leiter vom Mittelgang heraufkam. "Du solltest herkommen, damit wir mal nach deiner Verletzung sehen können", fügte sie, immer noch zu Reid gewandt, hinzu.

"Was ist denn eigentlich los? Kaum ist man für einen Augenblick auf Freiwache gegangen, da bricht auch schon die Hölle los." Lindas Gesicht sah eher imitiert als besorgt aus. Sie hatte offensichtlich keinerlei Schaden gelitten. Miranda weihte sie rasch in die Situation ein, soweit sie sie selbst übersah. Linda vergeudete keine Zeit, sondern machte sich sofort daran, die Position des Schiffes zu bestimmen. Inzwischen verband Miranda Reid junges Wunde. Glücklicherweise war es nichts Ernstes.

Linda ließ die Telekameras ringsum schweifen. Ein roter Stern wurde auf dem Schirm sichtbar, ganz nahe. Sie drehte die Kameras weiter in alle Richtungen, machte sich dabei Notizen und beriet sich mit dem Computer. Reid und Miranda gingen unterdessen daran, Schiff und Instrumente von vom bis achtern zu untersuchen.

 

 

 

II

 

Die "Avanti" war auf dem Wege von Callisto zu Lowells Planet, einem Begleiter von Alpha Leonis, und zwar im Auftrag der EBK, der Experimentell en Biologischen Kolonisierung. An Bord befanden sich Protolebensformen. Der Datenbiologe der "Avanti" sollte sie unter Anweisung von Miranda Ossoro und Linda Lee, die beide speziell für diesen Zweck ausgebildet waren, dazu benutzen, eine intelligente menschliche Lebensform zu schaffen, die unter den extremen Druck- und Wärmeverhältnissen auf Lowells Planet leben konnte.

Nach knapp 49 Minuten Flug in der subjektiven Zeit wurde das Raumschiff plötzlich und ohne Vorwarnung in das normale Raum-Zeit-Kontinuum zurückgeworfen.

 

 

 

III

 

Reids Rapport vom Achterschiff war negativ.

"Wie es aussieht, ist bei den Antriebssystemen mit Reparatur nichts mehr zu machen. Was da passiert sein kann, ist mir einfach ein Rätsel, auf das ich keine Antwort weiß. Bei dem Antimateriebrenner kann eine provisorische Reparatur drin sein, aber sie ist mit einem gewissen Risiko verbunden, wie immer beim Umgang mit Antimaterie. Sonst scheint alles in Ordnung zu sein."

"Vorn ist alles in Ordnung", berichtete Miranda. "Die Datenmaschinen funktionieren, die Protolebensformen sind okay. Die ganze elektrische Ausrüstung arbeitet. Und wie steht's bei dir, Linda, hast du irgend etwas von Bedeutung gefunden?"

Linda Lees Gesicht zeigte einen resignierten Ausdruck, während sie sich die roten Locken aus der Stirn strich.

"Es sieht jedenfalls so aus, als ob wir ganz gewaltig auf Abwege geraten sind. Das Schiff kreist jetzt um einen roten Zwergstern, aber Spektralanalyse und Temperatur stimmen mit keinem bekannten Stern völlig überein. Doch das ist gar nicht so merkwürdig, wenn man bedenkt, daß die Roten Zwerge von allen Sternen am schlechtesten kartographisch erfaßt sind. Unglücklicherweise sind sie jedoch zahlreich und leuchtschwach. Dieses Spektrum könnte ein wenig an Krüger 60 A erinnern, aber der ist es wohl nicht, denn dann müßten wir auch Krüger 60 B und C in der Nähe haben. Regulus kann ich nicht finden, aber ich habe S Doradus, Beta Orionis und Canopus angepeilt. Der Kurs der >Avanti< durch die nullte Dimension ist offenbar ganz anders gewesen als der vorausberechnete, und wir befinden uns weit außerhalb des lokalen Sternhaufens."

Reid konnte sehen, wie Linda darum kämpfen mußte, die Ruhe zu bewahren. An Mut fehlte es ihr nicht, doch das unerwartete Geschehen hatte sie alle drei aus der Balance - gebracht.

"Hat der Rote Zwerg ein Planetensystem?" fragte er. Linda schüttelte den Kopf. "Nein, keine Planeten." "Und keine andern Sterne relativ nahe?"

Wieder schüttelte Linda verneinend den Kopf.

"Am nächsten ist ein weißer Hauptreihenstern, aber der ist Ober dreieinhalb Lichtjahre entfernt."

"Dann sind wir verloren", sagte Miranda. Das scharfgeschnittene, sonnengebräunte Gesicht mit den schwarzen, lebhaften Augen wandte sich von Linda zu Reid. "ja, denn mit dem Dimensionsumschalter ist wohl wenig zu machen?"

"Gar nichts. Der Antimateriebrenner kann, wie gesagt, vielleicht repariert werden, aber auch dann wird er kaum einen Effekt erbringen, der dem Schiff eine größere Geschwindigkeit gibt als vierzig bis fünfzig Kilometer pro Sekunde." Resigniert zuckte er die Schultern.

Einen Augenblick schwiegen alle drei. Vor wenigen Stunden hatten sie das Sonnensystem verlassen, ohne einen Gedanken daran, daß etwas schiefgehen könnte. Nun waren sie mit einemmal hoffnungslos verurteilt zu einem langsamen Tode, ganz gleich, ob sie sich dafür entschieden, weiter um die rote Zwergsonne zu kreisen oder nicht. Sie versuchten, so zu tun, als nähmen sie das Ganze mit großer Ruhe auf, jeder für sich aber grübelte aber mögliche Lösungen des Problems nach, ohne auf einen Ausweg zu kommen.

Erst mehr als drei Stunden später brach Linda, nachdem sie lange Zeit still vor dem Teleschirm gesessen hatte, die Mauer des Schweigens, die sich nach und nach zwischen ihnen aufgebaut hatte.

"Wir können ja jederzeit auf dem Roten Zwerg landen", sagte sie. Die beiden andern drehten sich zu ihr um. Klirrend entfiel Reid die Gabel, und er sah ganz verwirrt aus.

"Bist du verrückt geworden?" sagte Miranda. "Das ist unmöglich, das ist noch nie gemacht worden, und außerdem, auf einer Sonne kann doch wohl niemand leben? Wir würden brennen, lange bevor wir es schafften, das Schiff in die Chromosphäre hinunterzubringen."

"Jawohl, eine solche Landung würde für uns nichts anderes bedeuten als einen schnellen Tod", fügte Reid hinzu. "Was wir brauchen, ist ein Planet mit einer Atmosphäre, in der wir atmen können und wo es Lebensformen unseres eigenen Typs gibt."

Linda zuckte die Schultern.

"Wünsche kann man ja immer haben. Aber die faktische Alternative zu meinem Vorschlag ist, bis in alle Ewigkeit hier draußen herumzukreisen. Landen wir, so können wir zumindest ein interessantes wissenschaftliches Experiment machen. Wir können in der Chromosphäre des roten Sterns nicht leben, aber wie steht's denn mit unseren Freunden da unten?" Linda zeigte mit dem Daumen in Richtung Laboratorium.

"Ich fange an, Miranda recht zu geben. Du mußt total verrückt geworden sein", stieß Reid hervor. "Die Lebensformen sind mit Berücksichtigung der Verhältnisse auf Lowells Planet konstruiert, und selbst wenn die noch so extrem sind, was Druck und Temperatur angeht, kann man sie doch auf keine Weise mit der Oberfläche einer Sonne vergleichen. jeder Stoff würde in flüssigen Zustand übergehen ... " Mit den Händen zeichnete Reid unsichtbare Striche vor Lindas Gesicht, während er Unterstützung heischend zu Miranda hinüberschaute. Mirandas Gesicht hatte unterdessen einen interessierten Ausdruck angenommen. Abwehrend winkte sie Reid zu.

"Still, ich glaube, Linda hat noch mehr auf dem Herzen als das." "Ja, hab' ich auch." Linda stand auf und ging zum Bildschirm hinüber. Sie wies auf den Stern, der nun den ganzen Schirm ausfüllte. "Unsere Sonne, die ein Gelber Zwerg ist, hat eine Temperatur von zirka sechstausend Grad Celsius an der Oberfläche und eine noch höhere Temperatur in der sie umgebenden Korona. Auf diesem Roten Zwerg liegt die Oberflächentemperatur weit über zweitausend Grad, wogegen die Hitze der Korona nicht der Rede wert ist, besonders über den Polgebieten nicht."

Reid öffnete den Mund zum Protest, aber Miranda gab ihm wieder einen Wink.

"Wie ihr seht", fuhr Linda fort, indem sie auf den Teleschirm zeigte, "ist der Stern nicht überall gleichmäßig rot. Es gibt Gebiete, die auf diesem Stern kräftiger markiert sind, als wir das von unserer eigenen Sonne kennen, Gebiete mit dunklen Sonnenflecken, gelbweißen Fackeln und sogenannter Granulation. Für unseren Zweck sind die Sonnenflecken am interessantesten. Ein Sonnenfleck besteht aus einer Umbra, dem zentralen dunklen Teil, und einer Penumbra, dem helleren äußeren Teil. Innerhalb der Umbra ist bei den auffälligsten Sonnenflecken dieses Sterns die Temperatur auf ungefähr die Hälfte dessen herabgesetzt, was für die eigentliche Photosphäre gilt. Also auf ungefähr tausenddreihundert Grad. Und eine solche Hitze kann dieses Raumschiff doch ausgezeichnet überstehen."

Linda schaute die beiden andern triumphierend an. Reid wollte sich jedoch nicht so leicht geschlagen geben.

"Du hast vielleicht recht, daß das Schiff unter Ausnützung eines Sonnenflecks auf der Oberfläche landen kann. Aber ein Sonnenfleck ist kein permanentes Phänomen. Selbst wenn es uns gelingen sollte, die Protolebensformen so weit zu bringen, daß sie tausenddreihundert Grad aushalten, schicken wir sie trotzdem in die sichere Vernichtung, weil die Sonnenflecken, wo es solche Temperaturen gibt, binnen dreißig bis vierzig Tagen verschwinden, bestenfalls. Was denkst du übrigens, wovon die da unten leben sollen? Ohne Nahrung werden sie in kurzer Zeit sowieso sterben."

"Immer mit der Ruhe, Reid", sagte Miranda. "Im Grunde redest du jetzt über Dinge, von denen du keine Ahnung hast, und du hast e allzu altmodische und pessimistische Ansicht davon, was der Begriff >Leben< umfaßt. Ich für meinen Teil fange an zu glauben, daß dies hier doch nicht gar so hoffnungslos ist. Gewöhnliches Leben, wie es sich die Wissenschaft früher vorstellte, mußte auf Kohlenstoffatomen basieren, alternativ auf Siliziumatomen. Unser Verständnis davon, was Leben eigentlich ist, hat sich aber allein in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren tüchtig erweitert. Leben braucht nicht absolut daran gebunden zu sein, in einem festen Stoff zu existieren. Ich möchte meinen, in unserm Fall brauchen wir faktisch .eine Art Kraftfeld."

Sie lächelte skeptisch und fuhr fort: "Ich nehme an, eine modifizierte Ausgabe einer Protolebensform, die auf dieser Sonne leben könnte, würde ein wenig Ähnlichkeit mit einem Atomreaktor haben. Und in diesem Falle könnte sie direkt von der Sonnenenergie >gespeist< werden ... Aber laßt uns vor allen Dingen die Zeit nicht mit mehr oder minder flüchtig fundierten Hypothesen vergeuden wollen wir das Problem lieber der Datenmaschine vorlegen."

 

 

 

IV

 

Sie fütterten den Datenbiologen mit allen notwendigen Informationen: Spektralklasse - dM 4, Durchmesser - 0,2 Sonnendurchmesser, Masse - 0,3 Sonnenmassen, Dichte - zehnfache Sonnendichte ... Mehr als zwei Stunden arbeiteten sie weiter mit Daten über die Korona, über Chromosphäre und Photosphäre, Daten über Protuberanzen, Granulation, Fackeln und Flares.

Die Datenmaschine begann den Stoff zu bearbeiten, und kurz darauf leuchtete eine grüne Meldelampe auf. Auf dem Teleschirm flimmerten Buchstaben und Zahlen:

 

  • Projekt möglich.

    Wahrscheinlichkeit für glücklichen Ausgang

    den eingegebenen Daten zufolge 89,6

    Letzte Phase der Untersuchung

    muß direkt auf der Oberfläche erfolgen.

     

Linda und Miranda schauten einander triumphierend an. Reid sah aus, wie aus allen Wolken gefallen.

"Das hätte ich nicht geglaubt", rief er aus.

Die beiden Biologinnen gingen an die Arbeit. Zwölf Stunden später fielen sie ins Bett und schliefen fest, während Reid, der bereits geschlafen hatte, in der Zwischenzeit den Antimateriebrenner reparierte.

 

 

 

V

 

Das Raumschiff glitt langsam auf die Oberfläche des roten Zwergsterns zu. Der letzte und entscheidende Teil der Arbeit stand bevor.

Miranda führte das Schiff über dem einen Polgebiet in die Chromosphäre, dort, wo die Korona am wenigsten störte. Das Gefährlichste, was nun geschehen konnte, war ein vom Stern plötzlich ausgesandter Flare, ein gewaltsamer Energieausbruch aus den inneren Regionen, wo die Temperatur mindestens sieben bis acht Millionen Grad erreichte. Die Wahrscheinlichkeit, daß so etwas geschehen würde, war indes nicht besonders groß, obwohl solche Ausbrüche auf roten Sternen öfter vorkommen als auf anderen. In gewissen Fällen kann ein Flare die Leuchtkraft eines Sterns für kurze Zeit auf das Doppelte oder mehr als das Doppelte erhöhen.

Linda hatte einen Sonnenfleck gefunden, der ihrer Meinung nach ideal war, und Miranda ging mit dem Schiff über dem angewiesenen Gebiet hinunter, bis es nur noch wenige Kilometer über der Oberfläche schwebte. Dort koppelte sie den Autopiloten ein, der das Schiff in bezug auf den Sonnenfleck exakt in derselben Position hielt. Das Kühlsystem des Schiffes arbeitete bis zum Bersten, um die Temperatur niedrig zu halten.

Miranda, Linda und Reid fingen mit dem letzten Teil der Arbeit an. Nun galt es, die Protowesen zu wirklichen Intelligenzwesen umzuformen, die auf der roten Zwergsonne überleben konnten.

Alle drei arbeiteten angespannt. Reid trocknete sich dauernd den Schweiß von der Stirn, obwohl die Wärme innerhalb der Kabine gar nicht besonders lästig war.

Ohne davon zu sprechen, dachten alle drei unwillkürlich an den Tod. Man kann wohl in einem waghalsigen Augenblick in den Tod gehen, man kann sterben für einen Freund oder für eine Sache, an die man glaubt - doch ein qualvoller Tod ist niemals leicht.

Die drei konnten sehen, wie die Protowesen dalagen, wegen der für sie tödlich kalten Atmosphäre im Raumschiff vollständig von ihnen abgeschirmt. Noch schlummerte ihre Intelligenz, noch waren sie unfertig, ohne Persönlichkeit, ungeboren.

"Während der ganzen letzten Ruheperiode habe ich über das nachgedacht, was wir jetzt machen", sagte Reid. "Ich habe nicht gerade das Bedürfnis zu sterben. Warum kann der Datenbiologe nicht uns modifizieren, damit wir da draußen leben können?"

Die beiden Biologinnen sahen Reid und dann einander an.

"Glaub bloß nicht ', daß ich daran nicht auch schon gedacht hätte", sagte Miranda. In ihren großen, dunklen Augen lag Verzweiflung. "Aber das ist unmöglich, die Umformung ist zu schwierig. Der Abstand zwischen dem, was wir sind, und dem, wozu wir werden müßten, um zu überleben, ist so groß, daß wir während des Prozesses sterben würden. Und selbst wenn es ein Promille Wahrscheinlichkeit dafür gäbe, daß so etwas glückt, und wir willens wären, diese Chance wahrzunehmen, so müßte doch auf jeden Fall ein Mensch das Ganze überwachen."

"Wir könnten losen ... " Reid biß sich auf die Lippen.

"Nein, das ist zu primitiv - entweder sterben alle, oder alle müssen eine angemessene Chance bekommen zu überleben", sagte Linda entschieden:

Miranda schaute gedankenvoll zu Linda hinüber.

"Eine Möglichkeit gäbe es allerdings noch", sagte sie zögernd. "Wir könnten eine Persönlichkeitsüberführung von uns zu den Protowesen versuchen, die ja keine eigentliche Persönlichkeit besitzen. Soweit ich mich erinnere, können Erinnerung und Persönlichkeit in elektromagnetischen Wellen ausgedrückt werden, und solche Überführungen sind sogar schon gemacht worden, nämlich von Mensch zu Roboter."

Lindas Gesicht leuchtete auf.

"Stimmt genau", rief sie eifrig. "Das Lebedev-Institut hat im vergangenen Jahrhundert solche Experimente durchgeführt. Kommt, wir wollen uns mit dem Datenbiologen beraten und sehen, was der dazu sagt."

Linda ging zum Computer, und kurz nachdem das Problem eingegeben war, erschien die Antwort auf dem Schirm:

 

  • Experiment wie skizziert möglich.

    Wahrscheinlichkeit für glücklichen Ausgang 31,3

    ohne menschlichen Operator;

    ungefähr 67,0 % mit menschlichem Operator.

     

Miranda schüttelte niedergeschlagen den Kopf.

"Dreißig Prozent sind ein zu kleiner Wert, um darauf einzugehen. Wir müssen ja auch bedenken, wenn wir's probieren und es mißglückt, dann ist alle Arbeit mit den Protowesen weggeworfen. Von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus wäre das sehr schade. Ich schlage vor, daß wir die Arbeit mit den Protowesen wie ursprünglich geplant fortsetzen und diese verzweifelte Hoffnung

vergessen."

Ein verstimmtes Schweigen senkte sich über die drei, während sie sich weiter mit den Vorbereitungen für die letzten Phasen des Experiments befaßten. Schließlich konnte Reid nicht länger schweigen: "Wir machen es trotzdem", sagte er. Linda und Miranda drehten sich zu ihm um. In Lindas blaugrünen Augen blitzte es. Reid spürte, daß er rot wurde.

"Wir machen es", wiederholte er. "Wir müssen die Chance wahrnehmen. Ich will weiterleben, ganz gleich wie und als was."

Linda nickte, sie sprach leise und schnell: "Einverstanden mit Reid. Wir müssen die Chance ergreifen." Ein winziger Zug von Trotz erschien um den roten Mund. "Wer weiß, vielleicht kann das Weiterleben in einem solchen Wesen zu einem großen Erlebnis werden?"

Miranda seufzte.

"All right. Aber ich habe Angst. Was zum Beispiel, wenn es nur einem von uns gelingt? Ich hoffe, daß ich in diesem Fall nicht dieser eine bin."

 

 

 

VI

 

Der Entschluß war gefaßt, das Los gefallen. 22 Tage und Nächte hindurch arbeiteten sie wie besessen, aßen wenig und schliefen wenig. Die Sonnenfleckengruppe näherte sich dem Ende ihrer Existenz. Alle drei arbeiteten in der Hitze mit nacktem Oberkörper.

Endlich war alles klar. Drei Behälter waren je an einem Tank befestigt, Leitungen und elektronische Ausrüstung lagen holterdiepolter auf dem ganzen Schiffsboden herum. Die letzten Minuten nutzte Miranda dazu, den Datenbiologen genauestens zu programmieren.

"Auf Wiedersehen da draußen."

"Hasta la vista."

"Wird schon alles gut gehn, toi, toi, toi."

Sie lächelten und drückten einander die Hände. Ihr Mienenspiel schwankte zwischen Angst und Erwartung. Die ruhigste von ihnen war Miranda. Mit einem halb ironischen Lächeln ging sie auf ihren Behälter zu. Die beiden andern verschwanden jeder in seinem. Die Behälter schlugen zu. Lampenreihen blinkten über dem Kontrollpaneel der Datenmaschine auf, in Zweien der Behälter begann der Prozeß. Beim dritten öffnete sich der Deckel wieder. Miranda erhob sich, und mit einem raschen und beinahe entschuldigenden Blick in Richtung der beiden andern Behälter begab sie sich wieder an den Kontrolltisch der Datenmaschine. Dann begann sie die Arbeit mit dem Überwachen des schwierigen Überführungsprozesses. Stunde um Stunde stand sie dort. Wachsam folgten ihre Augen den Zeigern und Kontrollampen. Die Finger drehten an Schaltern und bewegten Hebel. Über ihren sonnenbraunen Körper rann der Schweiß in großen, blanken Tropfen. Schließlich war die Arbeit getan. Sie war sich bewußt, daß sie das Leben von beiden, von Linda und Reid, mehrmals gerettet hatte. Bald würden die früheren Protowesen, nun als vollkommen fertige Menschen - dem Gemüt, wenn auch nicht der äußeren Gestalt nach -, in die Chromosphäre da draußen übergeführt werden. Sie fühlte, daß dieses Resultat den kleinen Betrug, den sie den Freunden gegenüber inszeniert hatte, wohl wert gewesen war.

 

 

 

VII

 

Linda und Reid flogen in weiten Kreisen rund um das Raumschiff. Von außen sahen sie aus wie zarte, eiförmige Blasen. Der Sonnenfleck war fast verschwunden, sie aber merkten die Hitze nur daran, daß das Schiff immer mehr Sprünge bekam. Noch warteten sie darauf, daß Miranda herauskäme. Sie wußten nicht, wie lange sie schon gewartet hatten. Die Zeit war nun so anders geworden. Sie fühlten sich frei in ihren neuen Körpern - sie konnten jede beliebige Form annehmen, die sie wollten, sie konnten in der Chromosphäre umherschwimmen und sich leichter als eine Feder auf rotglühenden Strömen von geschmolzenem Metall bewegen. Aber noch konnten sie sich nicht vom Schiff losreißen. Sie warteten. Sie warteten auf Miranda.

Das Schiff barst und begann zu schmelzen. Sie sandten einander traurige Gedanken zu und wollten das Schiff schon verlassen, als sie plötzlich eine Blase gleichsam aus der einen Schiffsseite herausplatzen "sahen" - und ihnen entgegen taumelte ein Wesen wie sie selbst.

 

Miranda! Sie sandten ihr jubelnde Gedankenschwingungen entgegen, und alle drei tanzten in wilder Lebensfreude umher. Die "Avanti" wurde zu einer rauchenden Ruine von geschmolzenem Metall und stürzte in die Photosphäre hinab, doch darauf achteten sie nicht. Als hätten sie in ihrem ganzen Leben nie etwas anderes getan, zogen sie ruhig in einem Protuberanzenstrom davon, während sie gierig von der unerschöpflichen Energie der roten Sonne tranken.

 

 

 

 

Übersetzt von Irma und Heinz Entner