Ingar Knudtsen

Der Maler

Die Leute nannten mich den verrückten Maler. Das taten sie, weil ich immer solche verdrehten Dinge malte. Motive, die nicht im geringsten in dem wurzelten, was man "Wirklichkeit" nennt. Es mag töricht sein, das jetzt zuzugeben, doch einer der Beweggründe, die hinter meinem Wunsch steckten, Astronaut zu werden, war die Hoffnung, einmal einem Motiv zu begegnen, das meinen Drang nach dem Absurden zufriedenstellen konnte, ohne daß ich mit der Phantasie irgend etwas hinzuzufügen oder abzuziehen brauchte. Ich sah vor mir sonderbare, mit Raumanzügen bekleidete Gestalten im gelbbraunen Mondsand waten und im Hintergrund einen kohlschwarzen Himmel mit Sternen übersät. Die Sonne sah ich als gelbweiße Kugel und die Erde wie einen verwirrenden Farbklecks über einem gezahnten Horizont. In der Phantasie sah ich mich selbst bei einer spinnenähnlichen Landefähre inmitten einer orangefarbenen Marswüste stehen oder neben einem Raumschiff dicht, an einem blauschwarzen Eisberg auf dem Ganymed ...

Daher ergriff ich begierig die Gelegenheit, als ich ganz unerwartet gefragt wurde, ob ich nicht bei der ersten bemannten Expedition zu Proxima Centauri II dabeisein wolle. Wir wurden im voraus gründlich gewarnt. Selbst an dem sorgfältig ausgewählten Landeplatz, einer öden Fels- und Sandlandschaft mit ständig wolkenverhangenem Himmel in stumpfer gelbgrauer Farbe, würden wir gefährlichen Stürmen begegnen. Das alles schien mir ganz ausgezeichnet zu klingen, und noch froher wurde ich, als ich auch Erlaubnis erhielt, meine Malerutensilien mitzunehmen.

Die Warnungen waren nicht übertrieben - eher das Gegenteil. Meistens ist hier alles von einem dichten Nebel bedeckt, gegen den Londoner Smog wie freundlicher Frostdunst wirkt. Ab und zu lichtet er sich ein wenig, und dann sehe ich, daß das Schiff auf einem Berghang liegt. Die Steine sind schwarz und glitschig. Manchmal bilde ich mir ein, ich sähe, wie sich da unten große graue Gestalten bewegen. Alles ist noch häßlicher, noch lebensfeindlicher und fremdartiger als selbst die allerschlimmsten Bilder, die ich je gemalt habe - und das will etwas heißen! Daß das Schiff eine Bruchlandung machte, ist nicht besonders merkwürdig, merkwürdig ist, daß ich überlebt habe ... Und hier sitze ich also auf unbestimmte Zeit, den Schoß voller Malerutensilien, während ein Wunschmotiv mich umgibt. Aber ich habe eine niederschmetternde Entdeckung gemacht. Ich vermag nicht nach Motiven zu malen. Ich muß einfach experimentieren, phantastische und unwahrscheinliche Dinge erfinden.

Mein letztes Bild ist der Gipfel in dieser Hinsicht. Eine Talsenke mit weißen Bergspitzen im Hintergrund, grünes Gras und eine gelbe, freundliche Sonne an einem blauen Himmel. Kann sich jemand etwas Phantastischeres vorstellen?
 
 

(Übersetzt von Irma und Heinz Entner)