Ingar KnudtsenBegegnung im Bunker
Der junge Günther Meinhof parkte den weißen Volkswagen am Straßenrand. Es war am frühen Abend im Spätsommer. Feuchter Nebeldunst trieb vom Meer herein und legte sich über die öde Berglandschaft im äußersten Westen Norwegens. Aufs Geratewohl wählte Günther einen der schmalen, grasbewachsenen Wege, die sich zwischen den Klippen dahinschlängelten. Auf die See zu konnte er die flachen, verwitterten Holme sehen, mit einzelnen Gehöften, die weiß und gefährlich weit draußen aufleuchteten. Doch nicht dem Meer galt Günthers Aufmerksamkeit. Überall um sich herum erblickte er Spuren der alten deutschen Festungsanlage, des "Atlantikwalls" von Adolf Hitler. Auf den Hängen standen Reste von Artilleriestellungen, und in den Berg hinein waren Bunker gesprengt, lange Gänge, die tief unter die Erde führten. Überall lag rostiger Stacheldraht.
Günther lächelte mißbilligend vor sich hin.. "Wenn ich dran denke, daß Vater hier mitgebaut hat ... ", murmelte er. Er ging auf eine der dunklen Öffnungen zu. Es war ein kurzer Gang, der in den Felsen gesprengt war, möglicherweise etwas, das man nicht fertiggebaut hatte. Er lief weiter. Endlich kam er zu einem Bunker, der interessanter aussah. Ein langer Gang, der sich da drinnen im Dunkel verlor. Günther zögerte einen Augenblick, dann tauchte er ins Dunkel. Er riß ein Streichholz an. Im Licht der schwachen Flamme ging er weiter hinein. Der Gang schwenkte bald hierhin, bald dorthin, und an beiden Seiten führten immer wieder Türöffnungen zu größeren oder kleineren Räumen. Günther wurde so eifrig, daß er ganz vergaß, mit Streichhölzern zu sparen. Erst als' nur noch einige wenige Zündhölzer in der Schachtel waren, ging ihm auf, daß er nun gezwungen sein würde, einen großen Teil des Weges in pechschwarzer Finsternis wieder zurückzugehen ... Der Schreck schnürte ihm die Kehle zu. War er eigentlich so sicher, den Weg zurückzufinden? Der Korridor hatte sich geteilt, hatte sich bald nach rechts, bald nach links geschlängelt. Er lachte nervös und trat eilig den Rückweg an.
Das letzte Streichholz verbrannte seine Finger und verlosch mit bedauerndem Zischen, als es in eine kleine Wasserlache auf dem Steinboden fiel. Er tastete sich blindlings weiter vorwärts) während die Panik wie ein bösartiger Kloß in seiner Brust wuchs. Eine Ratte rannte ihm aufgeschreckt über die Füße. Mit einem Schrei, der unter der niedrigen Steinwölbung widerhallte, machte er ein paar rasche Schritte vorwärts und stolperte über einen Eisenträger. Mit dem Kopf voran fiel er gegen die Wand und blieb so eine ganze Weile völlig bewegungslos liegen.
Das Geräusch von tappenden Schritten weckte Günther. Verwirrt erhob er sich - und starrte direkt in das Licht einer Taschenlampe. Eine Maschinenpistolenmündung richtete sich auf sein Gesicht.
"Hände hoch", kommandierte eine eiskalte Stimme in seiner Muttersprache.
Entsetzt streckte Günther die Hände hoch. Ein Strom verwirrter Gedanken raste durch sein arbeitendes Gehirn.
Bin ich unversehens in irgendeinem Verbrechernest gelandet? dachte er.
"Wer bist du? Und was machst du hier?" erscholl eine andre Stimme, und Günther konnte noch eine weitere Gestalt hinter der ersten erkennen. Er sah, daß es Uniformierte waren und daß beide Maschinenpistolen in den Händen hatten. Er begann mit einer stotternden Erklärung, wurde aber von dem, der die Lampe hielt, unterbrochen.
"Halt's Maul", knurrte er ungeduldig. Dann drehte er sich zu dem Kameraden an seiner Seite um. "Da sind Meldungen von einem Kommandounternehmen weiter unten an der Küste gekommen, glaubst du, das könnte einer von den Leuten sein?'"
"Kaum. Sieh dir die Kleidung an. Ausstaffiert wie eine Anziehpuppe. Gelbe Hosen und schmalgestreifte Bluse. Unbewaffnet ist er auch."
"Na gut, wir bugsieren ihn zu Oberleutnant Müller und seinen Burschen, dann wird er schon die Sprache wiederfinden, und damit basta."
Der Mann mit der Lampe lachte roh. Unterdessen war der Lichtschein von Günthers Gesicht weggeglitten, und er sah, daß die beiden sowohl Uniformen wie Helme trugen, Uniformen, die ihm aus Büchern und Filmen nur allzugut bekannt waren: deutsche Soldatenuniformen aus dem zweiten Weltkrieg. Günther starrte in stummem Entsetzen darauf. War er denn irrsinnig?
Er wurde abgeführt, und der Lauf der Maschinenpistole preßte sich ihm erbarmungslos in den Rücken. jetzt sah er, der Raum, in dem er hingefallen war, war gar nicht der Hauptkorridor, sondern ein Seitengang gewesen. Genau hier machte der Korridor eine Kurve, und zu seiner Verwunderung stellte er fest, daß dort, wo er sich vorher in pechschwarzer Finsternis den Weg ertastet hatte, nun nackte elektrische Glühbirnen einen sparsamen Schein über alles warfen.
Schließlich wurde eine schwere Holztür zu einem großen Seitenraum geöffnet und Günther hineingestoßen.
Ein untersetzter dunkelhaariger Bursche in schwarzer SS-Uniform erhob sich von einem Stuhl. Der Soldat, der Günther hineingebracht hatte, grüßte stramm.
"Herr Oberleutnant! Dieser Mann wurde in den äußeren Teilen des Bunkers gefunden. Er kann sich nicht ordentlich ausweisen." "So? Interessant." Mit schlaffer Hand winkte Müller dem Soldaten abzutreten. Der Soldat grüßte, machte eine Kehrtwendung und ging wieder hinaus.
"Sie heißen?"
"Günther Meinhof, Herr Oberleutnant", antwortete Günther nervös.
"Nationalität"
"Ich bin Deutscher."
Müller sah ihn scharf an, und Günther begriff, daß dies ein Mann war, den man leicht unterschätzte. Hinter dem relativ bescheidenen Äußeren dieses Mannes verbarg sich offenbar sowohl eine gewisse Intelligenz wie brutale Kraft.
"Ja doch, das sagt man so". Müller lächelte glatt. "Führt ihn ins >Büro<", sagte er, zu ein paar SS-Leuten gewandt, die etwas abseits an einem Tisch saßen.
Wieder wurde Günther durch den langen, halbdunklen Korridor geführt. Müller und seine beiden Handlanger gingen unmittelbar hinter ihm. Im "Büro" stand ein Schreibtisch und zwei, drei Stühle. An der Wand hing ein großes Bild von Adolf Hitler. Doch damit hörte auch schon jede Ähnlichkeit mit einem Büro auf. Mit starkem Druckgefühl in der Zwerchfellgegend begriff Günther, daß dies eine Folterkammer war. Er kannte die Daumenschrauben, die auf einem Tisch an der einen Wand standen, von Abbildungen und Berichten aus Büchern, die er gelesen hatte. Die andern Dinge waren ihm im großen und ganzen unbekannt, aber leider war es nicht schwer, sich mancherlei vorzustellen, wozu sie benutzt werden konnten ... Ein großer, rostbrauner Fleck vor ihm auf dem Betonboden machte ihn ganz krank. Getrocknetes Blut, da gab's keinen Zweifel.
"Willkommen in meinem bescheidenen Büro >Herr Meinhof< ", sage der Oberleutnant mit einem kleinen ironischen Lachen. "Bitte sehr, setzen Sie sich."
Mechanisch ließ sich Günther auf den ihm angebotenen Stuhl fallen.
"Sie heißen also Günther Meinhof und sind Deutscher. Von wo in Deutschland?"
"Heidelberg."
"Heidelberg, aha", wiederholte Müller und starrte in gemachter Nachdenklichkeit zur Decke empor.
Plötzlich drehte er sich halb um und schlug Günther mit der flachen Hand ins Gesicht.
"Verdammter Schweinehund", brüllte er. "Du bist Spion, stimmt's? Engländer, stimmt's? Norweger vielleicht? Oder Russe? Wie bist du hier reingekommen in den Befestigungsbereich?"
So begann das Verhör, und so ging es weiter. Der Oberleutnant und seine beiden Handlanger wechselten sich beim Schlagen ab, Müller zum Schluß mit einer kurzen Reitpeitsche, die er aus einem Schreibtischfach nahm. Günther verlor mehrmals das Bewußtsein, wurde aber jedesmal durch einen Guß eiskalten Wassers geweckt. Er konnte jedoch nur die eine Erklärung geben, und dabei blieb er.
Schließlich stand Müller reglos und mit blutunterlaufenen Augen vor ihm und rang nach Atem. Er sah auf die zusammengesunkene Gestalt vor ihm. Die Kleidung war in Fetzen gerissen, das Gesicht blutig.
"Du bist ja eine harte Nuß, Herr Meinhof aus Heidelberg<", zischte er. "Eine verdammt harte Nuß, aber auf solche bin ich schon immer ausgewesen. Zum Glück haben wir noch raffiniertere Methoden in Reserve, für solche wie dich."
"Herr Oberleutnant", unterbrach ihn einer der SS-Männer furchtsam.
"Ja, was ist los, Hans?"
"Er sagt doch, er heiße Meinhof und sei aus Heidelberg. Es gibt einen Meinhof aus Heidelberg, der hier dient, sagen die Soldaten. Ob der ihn vielleicht kennt?"
Müller starrte den Soldaten einen Augenblick an.
"Kaum wahrscheinlich. Denk dran, Heidelberg ist keine ganz kleine Stadt. Außerdem bin ich völlig überzeugt davon, daß alle was der sagt, erlogen und ersponnen ist. Wer zum Teufel reist den jetzt als Tourist von Deutschland nach Norwegen? Und in dem Alter! Wenn der Deutscher wäre, wär' er Soldat, nicht >Tourist< Doch das ist ja sehr einfach, holt den Soldaten Meinhof, aber ein bißchen dalli, sonst ist's vorbei mit meiner Geduld."
Nachdem die Soldaten verschwunden waren, entstand ein Pause. Günther fuhr sich vorsichtig mit der Zunge über die aufgesprungenen Lippen.
"Herr Müller", flüsterte er heiser. Müller starrte auf ihn herab. "ja?"
"Sagen Sie mir nur eins, nur dieses eine. Welches Jahr habe. wir?"
"Welches Jahr ... " Müllers Stimme erstickte beinahe im Fistelton. "1943 selbstverständlich, was denn sonst? 1975 vielleicht? Ode etwa 1922? Wie? Halt's Maul, wenn du schon nichts Vernünftige sagen kannst."
Weiter kam der Oberleutnant nicht, denn eben jetzt trat der SS Mann Hans mit dem Gemeinen Meinhof ein. Noch halb benommen, musterte Günther den Soldaten, der den Namen Meinhof trug. Das Gesicht war ihm bekannt und fremd zugleich. Es war jünger, als er es in Erinnerung hatte, bleicher, schmaler, doch trotz dem, ohne Zweifel ... Günthers Vater.
Das letzte Wort mußte er wohl laut gesagt haben, denn der Gemeine Meinhof sah ihn verblüfft an. Der andere SS-Mann lachte.
"Er hat dich Vater genannt, hast du das gehört? Na, du hast aber zeitig angefangen."
"Du bist Reinhardt Meinhof", flüsterte Günther. "Du bist 1923 in Düsseldorf geboren, du hast Marie Staufenberg geheiratet, die du in Heidelberg kennenlerntest. Dort hast du vor dem Kriege in einer Maschinenwerkstatt gearbeitet ... "
Reinhardt Meinhof musterte Günther erstaunt.
"Das stimmt tatsächlich", sagte er, zu Müller gewandt, "Abgesehen davon, daß ich mit Marie Staufenberg nicht verheiratet, Sondern nur verlobt bin. Aber den habe ich vorher nie gesehen, da bin ich ganz sicher."
"Na gut, aber auf jeden Fall wird die Geschichte jetzt tatsächlich ziemlich verworren." Müller sah sauer aus.
In diesem Augenblick begann eine Sirene zu heulen, so daß es in den Mauern des Bunkers widerhallte. Ein Soldat steckte den Kopf zur Tür herein.
"Fliegeralarm!" brüllte er. "Und wir haben Meldungen, daß englische Soldaten gelandet sind, gleich hier unten."
In der Ferne konnte man nun Bombenexplosionen hören, Schüsse aus Maschinengewehren und Flakgeschützen. Dann war für einen Augenblick alles in wilder Verwirrung.
Mit einem verzweifelten Satz auf die offene Tür zu, floh Günther auf den Korridor hinaus. Das Licht war dort ausgegangen, und es war finster wie im Grab. Blindlings lief er in die Richtung, aus der der Schall des Bombardements von draußen kam.
"Halt! Oder ich schieße", schrie jemand hinter ihm. Das Licht einer starken Taschenlampe zerriß die Dunkelheit, und der Widerhall' von Eisenabsätzen auf dem Beton sagte Günther, daß die Verfolger gleich da waren.
Die erste Salve aus der Maschinenpistole hörte er nur, die zweite aber traf ihn quer über den Rücken. Er war schon tot, bevor er auf dem Fußboden aufschlug.
Reinhardt Meinhof beugte sich über die leblose Gestalt. Immer noch sickerte Rauch aus der warmen Mündung seiner Waffe. Er drehte Günther um. Die gebrochenen Augen starrten ihn direkt an. Reinhardt schauderte es.
"Ich möchte bloß wissen, was er mit >Vater< gemeint hat", sagte er halblaut.
Übersetzt von Irma und Heinz Entner